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BONNER THEMEN: Januar 2004 AUFWÄRTS MIT DER WELTWIRTSCHAFT IN 2004 von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS 231. Folge |
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Die deutsche Wirtschaft hat wieder ein schlechtes Jahr hinter sich: Stagnation oder gar Rückschritt allerorten. Bei der bangen Frage vieler Menschen danach, wie es wohl 2004 weitergehen mag, sind in zunehmendem Maße die globalen Verflechtungen der einzelnen Volkswirtschaften untereinander ins Kalkül zu ziehen. Das internationale Netzwerk dominiert immer stärker das, was am heimischen Herd erwirtschaftet werden kann. Seltene Übereinstimmung besteht bei den Prognostikern jeglicher Herkunft darin, dass es 2004 in der Welt der Wirtschaft vorangehen wird (siehe Tabelle).
Vor allem der US-amerikanischen Wirtschaft und den asiatischen Märkten, voran denen Chinas, Thailands und Indonesiens, werden stattliche Wachstumspotenziale eingeräumt. Die lateinamerikanischen Länder Argentinien, Brasilien und Mexiko werden durch ihre Anbindung an die US-amerikanische Wirtschaft auf ein Wachstumsniveau gehoben, dem die Volkswirtschaften des Euro-Raums nur mit einem deutlichen Abstand folgen können. Schlusslicht der internationalen Entwicklung ist das zwar wieder zu Kräften gekommene Japan, dem jedoch in 2004 die alten Strukturprobleme weiterhin wie ein Bremsklotz anhängen werden. Das globale Bruttoinlandsprodukt - die Summe der erwirtschafteten Waren und Dienstleistungen nach dem Inlandskonzept - wird, über alles gesehen, 2004 um rund 4 Prozent gegenüber 2003 steigen. Wirtschaftlich schwache Beitrittsländer In unserer engeren Umgebung, dem europäischen Wirtschaftsraum, ist 2004 mit einem Strukturbruch zu rechnen: fünfzehn alten Mitgliedsländern gesellen sich zehn neue Staaten aus dem mittel- und osteuropäischen Raum hinzu. Die für die Ermittlung der kaufkräftigen Nachfrage bedeutsame Bevölkerungszahl wird von 377 Mio. um 75 Mio. auf 452 Mio. Einwohner, d.h. um ca. 20 Prozent, steigen. Das Bruttoinlandsprodukt als Ergebnis der wirtschaftlichen Tätigkeit dürfte hingegen lediglich um 5 Prozent zunehmen. Das heißt nicht mehr und nicht weniger, als dass die Pro-Kopf-Einkommen (reales Bruttoinlandsprodukt je Einwohner) in Europa drastisch sinken werden. Ursache hierfür ist das niedrige durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den Beitrittsländern, wobei die baltischen Staaten Estland, Litauen und Lettland in dieser Reihenfolge das unrühmliche Schlusslicht bilden. Demgegenüber sind die Länder Slowenien, Tschechien und Ungarn, wenn man einmal von den Kleinstaaten Zypern und Malta absieht, zwar führend, sie erreichen aber sämtliche nicht mehr als 60 Prozent des durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommens des Euroraums. Dieser relative Rückstand bietet andererseits bei besserer Anbindung an den Euroraum gute Chancen für höhere Wachstumsraten. Tatsächlich wird das durchschnittliche Wachstum in den Beitrittsländern in 2004 mit rund 3,7 Prozent fast doppelt so hoch sein wie in den "alten" Mitgliedsländern. Die besten Wachstumschancen werden, logische Umkehrung der geschilderten Pro-Kopf-Situation, den baltischen Staaten mit Zunahmen zwischen 4,5 und 6 % eingeräumt. Bei den bisherigen Mitgliedsländern der Europäischen Union werden vermutlich Griechenland, Irland und Spanien mit Wachstumsraten zwischen 3 und 4 Prozent vorangehen, während die Niederlande, Italien und auch Frankreich ihre aktuellen Probleme im Jahr 2004 perpetuieren dürften. Silberstreifen ohne Bauwirtschaft In der deutschen Volkswirtschaft ist etwa ab der zweiten Jahreshälfte 2003 neue Hoffnung eingekehrt: die Herbstumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zeigt für 2004 positive Vorzeichen bei den Erwartungen vieler Betriebe, der Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung München steigt wieder an, die Frühindikatoren der Volkswirtschaftlichen Abteilung der Commerzbank sind nach oben gerichtet. Bei aller angebrachten Zurückhaltung bei der Bewertung der die gesamtwirtschaftliche Entwicklung steuernden Faktoren dürften nach der jüngsten Weichenstellung in Berlin steuerliche Entlastungen der privaten Haushalte und verbesserte Absatzchancen der Unternehmen sowohl den Konsum als auch die Investitionen voran bringen und damit die inländische Nachfrage kräftigen. Im weiteren Verlauf des Jahres 2004 dürfte sich die Auslandsnachfrage weiter verstärken, so dass für das gesamte Jahr allgemein mit einem Wachstum von um die 2 Prozent gerechnet wird. Dabei ist freilich zu berücksichtigen, dass 2004 insgesamt fünf Arbeitstage mehr als 2003 verfügbar sind. Der Kalendereffekt schlägt allein mit ca. 1/2 Prozentpunkt beim Bruttoinlandsprodukt zu Buche. Im Investitionssektor ist eine deutlich gespaltene Entwicklung zu befürchten. Zwar werden die Ausrüstungsinvestitionen um rund 4 ½ % zunehmen. Ein Ende der Rezession im Bausektor ist damit jedoch nicht verbunden. Zwar dürfte der weitere Rückgang deutlich gebremst erfolgen, nahezu alle Prognostiker sind sich jedoch darin einig, dass der Bausektor als einziger der großen volkswirtschaftlichen Komponenten zum erneuten Male mit einem Minus abschließen wird. Für die Investitionen des Staates ist angesichts der Situation der öffentlichen Kassen eher eine weitere Verschlechterung in Sicht, der Wirtschaftsbau wird erst mit dem üblichen time-lag auf die allgemeine Belebung reagieren, im Wohnungsbau könnten allenfalls deutliche Einschnitte bei der Eigenheimzulage ein Strohfeuer entfachen. Nach den bisher vorliegenden Einschätzungen wird der Abschwung im Baugewerbe auch noch 2004 nicht beendet sind, wenn nicht derzeit nicht erkennbare Umstände eintreten. Fazit: aufgrund einer zunehmenden Dynamik im Welthandel wird auch die deutsche Volkswirtschaft 2004 an Fahrt gewinnen, vermutlich jedoch nicht der Bausektor. |
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