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BONNER THEMEN: März 2006 DEUTSCHE BAUUNTERNEHMEN OHNE CHANCE IM PREISWETTBEWERB von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS 252. Folge |
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Ob Leipzig tatsächlich, wie von der Verwaltung der Stadt in ihrem Internet-Auftritt behauptet wird, die "Mutter aller Messen" ist, mag bezweifelt werden. Immerhin wurden in der französischen Champagne bereits rund 400 Jahre früher Messen ("foires") veranstaltet. Unstrittig ist jedoch, dass die Messe Leipzig - neben einigem anderen - mit der Einladung zu den "Leipziger Baugesprächen" schon vor rund 80 Jahren etwas Besonderes für die Bauwirtschaft geleistet hat. In diesen Tagen fand auf dem einzigartigen Messegelände, dem schönsten mindestens in Deutschland, das "5. Leipziger Baugespräch" nach der 1997 erfolgten Wiederbelebung dieser Institution statt. Die Leipziger Baugespräche bringen von ihrer Gründungsabsicht her führende Vertreter wichtiger Bereiche des Bauens zusammen. Dies gelingt in der Regel auch, so dass die Veranstaltung zu Recht als ein bedeutender Marktplatz des Aufeinandertreffens der Erfahrungen und Erkenntnisse von Menschen, die an der Front des Geschäfts stehen, gilt. Ziel ist es jeweils, die aktuellen und absehbaren Chancen der Bauwirtschaft als einem zentralen Kultursektor der Gesellschaft auszuloten. Diesem hohen Anspruch gemäß sind vorzugsweise strategische und konzeptionelle Kategorien sowohl bei den Themen als auch den vortragenden Referenten gefragt. Neue Qualitätsmaßstäbe sind gefordert Dem Präsidenten des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, Dr. Hans-Peter Keitel, Vorsitzender des Vorstands der Hochtief AG, blieb es vorbehalten, eine tiefe Furche in den etwas unübersichtlichen Acker strategischer Konzepte zu ziehen. Das, was er sagte, galt expressiv verbis zuerst für die Rohbau-Unternehmen. Die gebäudetechnischen Ohren durften dabei jedoch gespitzt werden. Keitel ging von der nicht vollständig überraschenden Prämisse aus, dass deutsche Bauunternehmen bei Zunahme der Globalisierung keine Chance im reinen Preiswettbewerb hätten. Man müsse daher in Deutschland neue Qualitätsmaßstäbe aufstellen. Auf fünf Feldern müssten in diesem Sinne Zeichen gesetzt werden: - Es bedürfe einer erheblichen Verbesserung der Ausbildung in ökonomischen und ökologischen Fragen sowie in Fragen der Personalführung. - Es bedürfe neuer Umgangsformen zwischen den am Baugeschehen beteiligten Partnern (sic!). Die vorwiegend praktizierte strikte Trennung von Planung und Ausführung von Bauaufgaben beinhalte ein Konfliktrisiko zwischen den Vertragsparteien. Nicht die Einhaltung von Grundsätzen, sondern die optimale Abwicklung der Bauprojekte müsse im Vordergrund des Geschehens stehen. - Viel mehr als bisher müssten die bauausführenden Unternehmen in die Planung eines Projekts eingebunden werden. - Es müssten Vereinbarungen zwischen den Vertragsparteien getroffen werden, die, wenn es schon zum Streit komme, mit hoher Sicherheit zu einer außergerichtlichen Schlichtung führten. - Schließlich müsste der weitere Ausbau des soeben eingeführten Präqualifikations-Systems für alle bauausführenden Unternehmen eine Möglichkeit schaffen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Aktionsfelder der Bauwirtschaft Themen und Diskussionen in Leipzig kreisten um die alles entscheidende Frage, auf welchen Märkten die Chancen für die bauwirtschaftlichen Unternehmen liegen. Als Aktionsfelder schälten sich heraus: - die Konzentration auf das Kerngeschäft, - die Verstärkung der Public Private Partnership (PPP) zwischen öffentlichen Händen und Privatunternehmen bei der Realisierung von Infrastrukturprojekten, - die Entwicklung von Lebenszyklus-Strategien für Bauten, - der Auslandsbau sowie - die Bedienung baunaher Dienstleistungen. Neben Glanz auch viel Kritik So nachhaltig die Institution "Baugespräche" in Leipzig nur unterstützt werden kann, war nicht zu übersehen, dass das 5. Baugespräch gegenüber seinem Vorgänger 2003 auf vielen Feldern an Qualität eingebüßt hat. Zwar wurden vereinzelt auch vorzügliche Rede- und Diskussionsbeiträge abgeliefert. In der Summe jedoch fehlte diesmal viel von dem, was dem 4. Leipziger Baugespräch Glanz und Glorie vermittelte. Es kann einfach nicht sein, dass für die Eröffnung der Veranstaltung, bei der zu früheren Zeiten stets ein amtierender und zuständiger Bundesminister gewonnen werden konnte, der Interims-Oberbürgermeister der Stadt Leipzig (eine überaus sympathische Person) über Dinge spricht, die keine Chance haben, in das Langzeitgedächtnis vorzudringen. Dabei ist der amtierende und zuständige Bundesminister, Wolfgang Tiefensee, selbst Leipziger. Auch darüber hinaus herrschte in der Teilnehmer- und Rednerliste eine vollständige Fehlanzeige, soweit Vertreter der Bundes- oder Landespolitik betroffen sind. Es ist ein Jammer, wenn mehr oder auch weniger sachkundige Abteilungsleiter der Administration das Ranghöchste sind, was die "Baugespräche" aufbieten können. Nicht immer färbt das Vorhandensein oder Nicht-Vorhandensein von Vordenkern auf das Niveau der Diskussionen ab. Querdenker können oft eine Debatte mehr beleben als es die Stromlinienform der Meinungsführer vermag. Diesmal hat man in Leipzig schmerzlich die tragende Kraft des tiefgehenden Gedankens vermisst. Unvergessen sind der fulminante Auftritt des sächsischen Ministerpräsidenten Milbradt, die Beiträge seines Vorgängers Biedenkopf und des Mitherausgebers der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Jeske im Jahre 2003. Selbst der herausragende Beitrag des Vorsitzenden des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, Prof. Dr. Bert Rürup, über die vorherrschenden und absehbaren demografischen Entwicklungen in Deutschland endete exakt an der Stelle, an der die begeisterten Zuhörer die "Konsequenzen für die deutsche Bauwirtschaft" erwarteten und vom Thema her erwarten durften. Deutschlandtag der Gebäudetechnik: eine notwendige Ergänzung Erstmals nahmen in den verteilten Unterlagen der "Baugespräche" die Hauptakteure der Veranstaltung, die Vertreter des Rohbaus, statistisch zur Kenntnis, dass die deutsche Bauwirtschaft erhebliche wirtschaftliche und technische Beiträge auch aus anderen Bereichen erhält. In einem Memorandum "Informationen zur Entwicklung der deutschen Bauwirtschaft" wurden die Balken für den Sektor "Haus- und Gebäudetechnik" als deutlich die Balken für die Sektoren "Bauhauptgewerbe" und "Ausbaugewerbe" übersteigend ausgewiesen. Konsequenzen für die Gestaltung der "Baugespräche" wurden daraus jedoch nicht gezogen. Was sind das für "Baugespräche für die gesamte deutsche Bauwirtschaft", wenn deren anerkanntermaßen wichtigster Part weder in den Themen- noch in den Rednerlisten erscheint? Ja, es muss dem allergrößten Teil der in Leipzig zu Wort Gekommenen schlichtweg die Kompetenz bestritten werden, sich fachkundig über gesellschaftspolitisch herausragende Themen wie Energieeinsparung und Umweltpolitik mit Mitteln des Bauens äußern zu können. Wenn die Veranstalter, im übrigen auch die Messe Leipzig, an diesem Punkt nicht endlich Remedur schaffen, ist voraussehbar, dass sich die "Baugespräche" zu einer Veranstaltung für Bauminderheiten entwickeln. Zum erneuten Male ist der Branche die Organisation eines "Deutschlandtags der Gebäudetechnik" auch aus diesem Grund nachdrücklich zu empfehlen. |