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BONNER THEMEN: Mai/Juni 2005 GEBÄUDETECHNIK-NORMEN IM WETTSTREIT von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS 245. Folge |
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Die Branche Gebäudetechnik geht einem größeren Beben entgegen: die Gesamtenergieeffizienz-Richtlinie der Europäischen Kommission und ihre nationalen Umsetzungsmaßnahmen werden erheblichen zeitlichen und intellektuellen Tribut einfordern. Am 16. Dezember 2002 im Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften veröffentlicht, verlangt sie von den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (Artikel 15.1), alle Gesetze, Regeln und Verwaltungsvorschriften zur Umsetzung der Richtlinie bis spätestens 4. Januar 2006 in Kraft zu setzen - geringfügige zeitliche Ausnahmen (Artikel 15.2) eingeschlossen. Es verbleibt ein halbes Jahr, um einem monströsen Gebilde Form und Inhalt zu verleihen. Es ist das Ziel der Gesamtenergieeffizienz-Richtlinie, dass von neuen und bestehenden Gebäuden des Wohn- und des Nicht-Wohnbaus in Europa möglichst wenig Energie in Anspruch genommen wird. In welchem Ausmaß die vorhandenen Ressourcen belastet werden, soll mit Hilfe von noch zu findenden Methoden (Artikel 3) und noch zu bestimmenden Anforderungen (Artikel 4) ermittelt werden. Dem gleichen Ziel, die vom Gebäudesektor beanspruchte Energie zu minimieren, hatten sich schon vor Inkrafttreten der europäischen Richtlinie mehrere Länder der Europäischen Union verpflichtet. In Deutschland geschah dies über eine Reihe von Regelungen, deren letzte die Energieeinspar-Verordnung (EnEV) vom 16. November 2001 in ihrer vorläufig letzten Fassung vom 2. Dezember 2004 darstellt. Allerdings regelt die EnEV nicht alle Tatbestände, die gemäß der Gesamtenergieeffizienz-Richtlinie zu regeln sind. Insbesondere fehlen Methoden und Anforderungen zur energieschonenden Gestaltung von Klima- und Beleuchtungsanlagen sowie über die Erstellung von Energieausweisen bei bestehenden Gebäuden. DIN 18599 als Europa-Norm? Mit dem Zweiten Gesetz zur Änderung des Energieeinsparungsgesetzes hat die Bundesregierung vor wenigen Wochen die Verordnungsermächtigungen zur Novellierung der EnEV geschaffen. Kernstück der unmittelbar bevorstehenden Neufassung der bestehenden EnEV wird voraussichtlich die Bezugnahme auf eine Norm sein, die unter dem Namen DIN V 18599 die Fachwelt seit Monaten in Atem hält. Sie soll die Eier legende Wollmilchsau sein, die am Ende des Weges, den sie zweifellos noch vor sich hat, alles und jedes, was in neuen und bestehenden Gebäuden Energie verbraucht, in der Form eines normierten Energiebedarfs bewertet. Ihre Initiatoren und Autoren erheben den Anspruch, dass in und mit dieser Norm alle Bedarfsbereiche übergreifend in einer kohärenten, jeweils aufeinander abgestimmten Weise und schnittstellen-kompatibel dargestellt werden. Dies müsse doch, so hört man, die beste Grundlage sein, um sie nach Europa zu transportieren, damit sie in allen übrigen Ländern der Europäischen Union als harmonisiertes Umsetzungsinstrument übernommen würde. Der Gedanke ist in der Tat verlockend, allerdings beinhaltet er mehrere unterschiedlich hohe Hürden. Zum einen umfasst die Norm mehr als 1000 Seiten. Ob dies von einem - industriellen oder handwerklichen - Unternehmen lesetechnisch bewältigt werden kann, ist mehr als fraglich. Noch schlimmer: Experten, die den Text kennen, berichten von Iterationsroutinen, die Teil der Norm sind, so dass sie mit Kopf und Hand praktisch nicht "gerechnet" werden könnte. Es bedürfe hierzu eines ausgefuchsten Rechenprogramms. Immerhin hat sie den Vorzug der "heißen Nadel". Bundesbauministerium, DIN und interessierte Fachkreise geben den Juli 2005 als Termin für das Inkrafttreten der meisten der zwölf Kapitel der Norm an. Damit hätte die Bundesregierung die Möglichkeit, den notwendigen Bezug auf eine "rechtskräftige" Norm in der Novelle der EnEV herzustellen und damit das Umsetzungsgebot der Europäischen Kommission vorzeitig zu erfüllen. 31 Europa-Normen ante portas Was jedoch die Umsetzungsproblematik erheblich komplizieren wird, ist die Tatsache, dass die Europäische Kommission der europäischen Normungsorganisation CEN das Mandat erteilt hat, Normen für eine möglichst einheitliche europäische Umsetzung der Gesamtenergieeffizienz-Richtlinie zu entwickeln. Eine Projektgruppe unter Leitung des Niederländers Jaap Hogeling hat im Rahmen dieses Auftrags insgesamt 31 einzelne Themen - so genannte "working items" - definiert, die mittlerweile jeweils in die Form einer europäischen Vor-Norm gegossen wurden. Sie beziehen sich u.a. auf Bewertungsmethoden der energetischen Effizienz von Gebäuden, auf Verfahren der Erstellung von Energieausweisen, auf Richtlinien für die Inspektion von Heiz- und Klimaanlagen. Verpflichtung zur Übernahme von Europa-Normen Die Arbeiten der Hogeling-Gruppe überdecken daher nahezu alle Themengebiete, die auch in der DIN V 18599 evaluiert wurden, und eine Reihe mehr. Das heißt: es wird in sehr absehbarer Zeit insgesamt 31 europäische Vornormen geben, die inhaltlich in Konkurrenz zur deutschen DIN V 18599 stehen. Im Verlaufe von 2006 wird der größte Teil der europäischen Vornormen den Charakter europäischer Normen annehmen, so dass sich die Frage stellt, in welchem Verhältnis die Vorgaben der DIN V 18599 zu denen der europäischen Normen stehen werden. Die Antwort gibt, unzweifelhaft und unmissverständlich, die Geschäftsordnung der internationalen Normen-Organisationen CEN und CENELEC. In Abschnitt V.2.1.1 heißt es: "Wenn eine Europäische Norm (EN) oder ein Harmonisiertes Dokument (HD).. angenommen ist, sind alle Mitglieder zur Übernahme verpflichtet." Und weiter in V.2.2.1: "Eine EN muss übernommen werden, indem sie den Status einer nationalen Norm erhält .. und indem etwaige entgegenstehende nationale Normen zurückgezogen werden". Das Präsidium des DIN hat diesen Sachverhalt in einer Grundsatzerklärung bestätigt: "Die internationale und europäische Normung haben Vorrang gegenüber der nationalen Normung. Europäische Normen müssen aufgrund der Verfahrensregeln der europäischen Normung unverändert in das Deutsche Normenwerk übernommen werden" (DIN 820, Teil 4, Erläuterungen). Bei dieser Sachlage bestehen gute Chancen, dass der DIN 18599 nur ein kurzes Leben beschieden ist. Es stellt sich allerdings die Frage, was sich die Leute, die die nationale Normungsarbeit mit beträchtlichem finanziellen und zeitlichen Aufwand in Kenntnis der dargestellten Sachlage auf den Weg brachten, eigentlich gedacht haben. Kann es denn wirklich sein, dass man die Hoffnung hegte oder gar noch hegt, dass die DIN 18599 eines Tages die europäische Allround-Norm wird und alle auf sich genommenen Mühen damit gerechtfertigt werden? Die europäischen Vor-Normen sind jedenfalls inhaltlich abgeschlossen und werden, von redaktionellen Änderungen abgesehen, mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihrer jetzigen Form den Rang europäischer Normen erhalten. Nur äußerst gewundene Pfade, abseits des europäischen Normungsalltags, werden das Leben der DIN 18599 eine überschaubare Zeitlang verlängern können. Ob dies dem Gedanken der Harmonisierung des europäischen Binnenmarktes förderlich ist, mag mit Recht bezweifelt werden. |