BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: Juni / Juli 2003

SÄKULARER UMBRUCH IN DER BAUWIRTSCHAFT

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

225. Folge

"Die Technische Gebäudeausrüstung (TGA) gewinnt bei der Errichtung, Umgestaltung oder Sanierung von Gebäuden immer mehr an Bedeutung. Der Anteil der TGA-Kosten nimmt im Verhältnis zu den anderen Baukosten kontinuierlich zu." Mit diesen Worten be-schreibt der AMEV - Arbeitskreis Maschinen- und Elektrotechnik staatlicher und kom-munaler Verwaltungen (Ergebnisvermerk, 9.5.2003) eine Situation, die höchste Aufmerk-samkeit erfordert. Sie betrifft den Stellenwert der Technischen Gebäudeausrüstung, oder etwas weniger altertümlich formuliert: der Gebäudetechnik, innerhalb der gesamten Bau-wirtschaft.

Über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte hinweg war die Verteilung der Gewichte zwischen den Parteien, die im weitesten Sinne am Baugeschehen beteiligt sind, mehr oder weniger festgeschrieben. An der quantitativen Dominanz der Gewerke, die als Hoch- und Tiefbau das so genannte Bauhauptgewerbe bilden, gab es nichts zu deuteln, mit Auswirkungen auf den Baustellen. Zwar wurde der Rest der Bauwirtschaft hin und wieder als Partner akzeptiert, die Vormacht des Bauhauptgewerbes in Frage zu stellen, war damit nicht gemeint. Kapitalkräftige Generalunternehmer haben in den letzten zwei Jahrzehnten darüber hinaus "den anderen", die als Subunternehmer angeheuert wurden, das Fürchten gelehrt.

Die Gewichte haben sich verschoben

So sehr hat sich die Einschätzung vom Übergewicht von Hoch- und Tiefbau in das Bewusstsein der Öffentlichkeit eingegraben, dass die Vertreter des Bauhauptgewerbes oft genug die gesamte deutsche Bauwirtschaft zu repräsentieren schienen. Exekutiven wie die Europäische Kommission und Bundes- wie Landesregierungen kultivieren das Bild vom alles beherrschenden Bauhauptgewerbe bis zum heutigen Tage. So bittet die Europäische Kommission die FIEC, europäische Interessenvertretung der Unternehmen des Bauhauptgewerbes in Europa, zuerst um ihre Stellungnahme über einen Richtlinien-Entwurf über die Energie-Effizienz von Gebäuden, obwohl doch die Kompetenz hierfür in erster Linie bei den Unternehmen der Gebäudetechnik liegt. Der deutsche Bauminister ist bis in die letzten Tage hinein Schirmherr von "Gesprächen der deutschen Bauwirtschaft" gewesen, in denen ausschließlich über Themen des Hoch- und Tiefbaus gesprochen wurde.

Der kritische Zeitgenosse, der darin geübt ist, Statistiken zu lesen, kann den Anspruch, den das deutsche Bauhauptgewerbe in zugegebenermaßen professioneller Form zelebriert, nur mit Erstaunen begleiten. Denn: die Gewichte zwischen den Parteien im Baugewerbe haben sich längst verschoben, nicht nur peripher, sondern signifikant.

Ausbaugewerbe stärker als Bauhauptgewerbe

Statistisch gesehen besteht der gesamte Bausektor aus den Säulen: Bauhauptgewerbe (Hoch- und Tiefbau), Ausbaugewerbe (Bauinstallationen und sonstiges Baugewerbe) sowie den "übrigen Bereichen" (Fertigteilbau und Montagen, Bauplanung, Eigenleistung der Investoren).

Nimmt man eine weitergehende Analyse der Bestandteile des Bauhauptgewerbes vor, so erkennt man nicht nur einen massiven Rückgang der Aktivitätszahlen, im Hochbau deutlich stärker als im Tiefbau, es zeigt sich darüber hinaus, dass der traditionell stärkste Einzelposten des Hochbaus, der Wohnungsbau, mittlerweile auf ein Niveau abgesunken ist, das auch von anderen Teilbereichen der Bauwirtschaft erreicht wird.

Eine Untersuchung der Säule "Ausbaugewerbe" zeigt, dass der Gebäudetechnik-Bereich "Klempnerei, Gas-, Wasser-, Heizungs- und Lüftungsinstallation" dabei die Leistungszahlen des gesamten Wohnungsbaus nahezu erreicht hat.

Fasst man diesen Bereich mit den Teilbereichen Elektroinstallation, Dämmtechnik und sonstige Installationsbereiche zur Abteilung "Gebäudetechnik insgesamt" zusammen, wird der Wert des gesamten Hochbaus des Jahres 2002 (54,2 Mrd. Euro) in den letzten Jahren schon regelmäßig überschritten. Lediglich die schwache Gebäudetechnik-Konjunktur des Jahres 2002 hat ein erstmaliges Überflügeln des Hochbaus im gleichen Jahr bisher noch verhindert. Die Gebäudetechnik ist damit auf dem besten Wege, sich zum stärksten der ausführenden Teilbereiche der deutschen Bauwirtschaft zu entwickeln.

Da die einleitend zitierte Aussage des AMEV bezüglich des weiteren Ansteigens des Anteils der TGA-Kosten in der Tat zutrifft, befinden wir uns derzeit in einer Phase eines strukturellen Umbruchs von säkularer Bedeutung, der auch in den nächsten Jahren Bestand haben wird. Die Vertreter der Gebäudetechnik sind bestens beraten, wenn sie ihre neu gewonnene Position in der Öffentlichkeit, aber auch gegenüber den Mitgliedern von Regierung und Parlament nicht nur deutlich machen, sondern daraus die notwendigen Folgerungen einfordern.

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