BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: Juli/August 2005

BASAR-ÖKONOMIE IN DER GEBÄUDETECHNIK?
Auswirkungen der Globalisierung auf die Tätigkeit gebäudetechnischer Unternehmen

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

246. Folge

Es hat sich in Deutschland eine ökonomische Erscheinung manifestiert, die auf den ersten Blick wie ein Widerspruch in sich selbst erscheint: Weltmeisterschaft im Export von Waren einerseits, hohe Arbeitslosigkeit mit steigender Tendenz sowie Schlusslicht im europäischen Geleitzug der Wachstumsraten andererseits. Politiker, die ohne jede ökonomische Ausbildung unsere Wirtschaft dominieren dürfen, versuchen im Allgemeinen, beide Phänomene jeweils getrennt voneinander zu erklären. Dass beide Dinge auch in des Wortes engstem Sinne die beiden unauflöslichen Seiten der gleichen Medaille sein könnten, plagt sie nicht. Allenfalls, dass die Globalisierung ihre Hand mit in dem unübersichtlichen Spiel hat, hört man häufig. Und dass deshalb auch Reformen unausweichlich seien, über deren Gestaltung schon innerhalb der Parteien weithin Uneinigkeit herrscht.

Globalisierung, der Verursacher aller offenkundigen ökonomischen Widersprüche, bedeutet zunächst nicht mehr, allerdings auch nicht weniger, als dass der ganze Globus in den Prozess der Erstellung von Waren und Dienstleistungen effizient einbezogen werden kann. Effizient bedeutet, dass der Globus nicht nur Spielwiese für einige wenige der ganz Schlauen ist, sondern auf Grund des Absenkens von Handelsschranken nutzbringend in die unternehmerischen Planungen vieler, und nicht nur der ganz Großen einbezogen werden kann. So gesehen war auch die Gründung des Deutschen Zollvereins 1834 eine Globalisierung en miniature, ganz sicher aber war die - noch längst nicht abgeschlossene - Schaffung des harmonisierten europäischen Binnenmarktes ein starker Schritt in diese Richtung. Die Senkung der Außenhürden der großen asiatischen Volkswirtschaften sowie die Transformations-Mechanismen in den mittel- und osteuropäischen Staaten haben dazu geführt, dass jetzt tatsächlich fast der ganze Globus Aktionsbasis für unternehmerische Operationen sein kann.

Die Wertschöpfungskette wird aufgebrochen

Aus deutscher Sicht zunehmend gravierend erscheint mit dem Fortschreiten des Abbaus der Handelshürden die Höhe des wichtigsten Preises einer Volkswirtschaft: des Lohnes. Hier die höchsten Arbeitskosten in der Welt, zementiert in einem starren Kartellkorsett, dort, jedenfalls in großen und bevölkerungsreichen neuen Märkten, Bruchteile von Aufwendungen für direkte und indirekte Lohnkosten. Wann und wo immer es möglich ist, wird das rational denkende Wirtschaftssubjekt sich dieses enorme Kostengefälle zunutze machen wollen. In welcher Form dies letztlich auch geschieht, stets wird es versucht sein, besonders arbeitsintensive Teile des Produktionsprozesses auszugliedern und sie dort in Auftrag zu geben, wo es erheblich weniger dafür bezahlen muss, annähernd gleiche Qualität allerdings vorausgesetzt. Offshoring oder outsourcing sind die Begriffe, die sich für diesen Vorgang eingebürgert haben. Sie bedeuten, dass die betriebliche Wertschöpfungskette, die vordem mehr oder weniger "am Stück" im Inland abgearbeitet wurde, jetzt aufgebrochen wird, um Teile davon billiger im Ausland erstellen zu lassen und sie gegebenenfalls anschließend wieder in den inländischen Produktionsprozess einzuschleifen.

Ausländische Vorleistungen steigen überproportional

Als mittlerweile gängig gewordenes Beispiel für dieses Vorgehen ist der Porsche Cayenne anzuführen, der mit dem Label "Made in Germany" in Leipzig versehen wird, tatsächlich fast vollständig, nämlich zu 88 %, außerhalb Deutschlands, in der Slowakei, erstellt wird. Beim Verkauf des Autos in die USA, erscheint in der Exportstatistik Deutschlands im Verhältnis zu den USA, ein Wert von 100 Geldeinheiten, dem jedoch nur ein in Deutschland produzierter Wert von 12 Geldeinheiten zugrunde liegt. Mit anderen Worten: diese Art Globalisierung, in die wir eingetreten sind, führt dazu, dass zwar die Umsätze fallen, gleich bleiben oder sogar steigen, die aus dem Ausland bezogenen Vorleistungen zu Lasten der aus dem Inland bezogenen Vorleistungen jedoch überproportional steigen. In der Statistik können die Exporte daher zwar munter steigen, die deutschen Arbeitsplätze kommen jedoch zunehmend unter die Räder.

Basar-Ökonomie als neuer Begriff

Für diese nahezu zwangsläufige Konsequenz der Globalisierung hat Prof. Hans-Werner Sinn, Direktor des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, den Begriff der BASAR-ÖKONOMIE erfunden, der seitdem die wirtschaftspolitische Diskussion, durchaus kontrovers, beherrscht. Die Basar-Hypothese besagt, dass "der inländische Wertschöpfungsanteil an der Industrieproduktion, die so genannte Fertigungstiefe, zugunsten des Auslands fällt und dass sich Deutschland zunehmend auf Basar-Tätigkeiten spezialisiert" (Sinn, Ifo-Schnelldienst, 6/2005, S. 5).

Hans-Werner Sinn hat den Basar-Effekt empirisch in erster Linie mit statistischen Daten aus den Bereichen der industriellen Produktion belegt. Da der Basar-Effekt aber einen weit reichenden, eben globalen, Hintergrund hat, beeinflusst er auch Dienstleistungs-Sektoren wie den Wirtschaftszweig der Gebäudetechnik, allgemein und besonders, mittelbar und unmittelbar.

Geschäft wandert ins Ausland ab

Für alle Stufen des Gebäudetechnikmarktes - Produktion, Großhandel, Verarbeitung - gilt die bittere Erkenntnis, dass die bisherige Kundschaft basarträchtig die Chancen, sogar Zwänge der Globalisierung ergreift und damit im Inland zu weiten Teilen als Auftraggeber ausfällt. Ein Unternehmen, das seine Motoren in der Slowakei erstellen lässt, braucht keine gebäudetechnische Ausstattung in Deutschland für Fabrikhallen oder Räume, in denen die Transportbänder laufen. Die Einzelteile, aus denen die Motoren zusammen gesetzt werden, insbesondere in der elektronischen Abteilung, bedürfen zu ihrer Herstellung unter Umständen komplexe raumlufttechnische Anlagen, die wiederum nicht in Deutschland installiert werden. Das Geschäft wandert partiell ins Ausland ab, in das ihm das findige Gebäudetechnik-Unternehmen freilich folgen kann.

Der Produzent gebäudetechnischer Komponenten wird sich, im Allgemeinen, verhalten wie jedes andere Wirtschaftssubjekt in den übrigen Bereichen der industriellen Produktion. Er wird versuchen, alle Möglichkeiten auszuloten, um Teile seiner Komponenten im Ausland kostengünstiger erstellen zu lassen oder gleich ganze Betriebsteile nach außen zu verlagern. Wenn dies geschieht, müssen freilich sämtliche Parameter, die am Ende zum wirtschaftlichen Ergebnis führen, bewertet worden sein. Der Lohn ist ein wichtiger, aber bei weitem nicht der einzige Faktor, der über eine Standortverlegung entscheidet. Weil dem so ist, haben die unterschiedlichen Rahmenbedingungen in den einzelnen Industriesparten auch schon bisher sehr unterschiedliche Absenkungen ihrer eigenen Wertschöpfungsanteile zur Folge gehabt.

Bauaufgaben werden zu Koordinierungsaufgaben

Am widerstandsfähigsten gegenüber den Auswirkungen der Basar-Ökonomie hat sich bisher der deutsche Anlagenbau erwiesen. Er verfügt über ein starkes Schutzschild: er ist Dienstleister, dessen Leistungen punktgenau im Inland erbracht werden müssen. Rohre müssen auf der Baustelle zusammen geschweißt werden, Luftkonditionen können weder ex- noch importiert werden, sie müssen an Ort und Stelle erzeugt und optimiert werden.

Allerdings beschäftigt sich auch der Anlagenbauer zunehmend mit den Einzelheiten seiner Wertschöpfungskette. Soweit es um ausführende Tätigkeiten niedriger bis mittlerer Schwierigkeitsgrade geht, hat die Ost-Erweiterung, die spätestens seit dem EU-Gipfel 1993 in Kopenhagen zu einer kalkulierbaren Größe wurde, die Sprachenvielfalt auf deutschen Baustellen erheblich erhöht. Diese Tendenz wird sich - Dienstleistungs-Richtlinie hin, Entsende-Richtlinie her - fortsetzen. Aber auch andere Glieder der Wertschöpfungskette werden zunehmend in den Fokus der Kostenminimierung geraten. Planungsaufgaben, Buchhaltungstätigkeiten und Programmierungsarbeiten sind in besonderem Maße anfällig dafür, aus dem bisherigen Verband innerbetrieblich aufeinander abgestimmter Einzelaktivitäten ausgegliedert zu werden. In den MOE-Staaten, aber auch in Asien, stehen hierfür bestens geschulte Facharmeen Gewehr bei Fuß. Selbst für die Finanzierung von Bauaufgaben einschließlich der besonderen Bürgschafts- und Gewährleistungsproblematik des Sektors wird die über das Internet weiter zusammen wachsende Welt neue Modelle anbieten, die von dem erschreckend schwachen inländischen Bankensektor nicht mitgetragen werden können.

Wenn nichts politisch Gewaltiges geschieht, könnten am Ende dieses Weges gebäudetechnische Unternehmen stehen, die den größten Teil der operativen Tätigkeiten an in- oder ausländische Sub-Dienstleistungseinheiten ausgelagert haben und sich im Wesentlichen um die Abdeckung der dabei auftretenden, allerdings gewaltigen Schnittstellenprobleme kümmern. Kernkompetenz ist dann nicht mehr die gebäudetechnische Bauaufgabe selbst, sondern die Koordinierung aller vordem inhäusig erstellten Wertschöpfungsglieder.

Ob Hans-Werner Sinn für dieses Szenario auch noch den Begriff der Basar-Ökonomie für zutreffend hält, kann nur von ihm selbst beantwortet werden.

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