BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: September 2003

STRUKTUREN DER DEUTSCHEN BAUWIRTSCHAFT

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

227. Folge

Weithin bestehen unzutreffende Vorstellungen über die relative Stärke der am Baugeschehen beteiligten Parteien. Dabei ist eine Klarstellung um so wünschenswerter, als die Bauwirtschaft immer noch zu den größten Einzelsektoren der deutschen Volkswirtschaft gehört. Zwar hat die Bauwirtschaft aus Gründen, die hier nicht dargelegt werden können, im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich an Bedeutung eingebüßt: 1960 lag der Anteil des Baugewerbes an der Bruttowertschöpfung noch bei 10 Prozent, 2002 wurden gerade noch knapp 5 Prozent erreicht. Der absolute Umfang der Nachfrage nach und des Angebots an Bauleistungen erreicht jedoch noch immer das kritische Niveau, das erforderlich ist, um in diesem Bereich Ansatzpunkte für wirtschaftspolitische Maßnahmen zu suchen und zu finden.

Eine der wichtigsten Ursachen, die in aller Regel zu einer Verwirrung selbst unter fachlichen Experten führt, ist die terminologische Vielfalt, mit der Bauleistungen in der Öffentlichkeit dargestellt werden. In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, die alle Erträge und Aufwendungen einer Volkswirtschaft in einem gegebenen Zeitraum erfasst, erscheinen die Bauleistungen auf der Nachfrageseite ("Verwendung des Bruttonationaleinkommens") als Bauinvestitionen.Sie sind dort Teil der Bruttoanlageinvestitionen, die wiederum "den Wert der dauerhaften Güter darstellen, die für andere als militärische Zwecke bestimmt sind". Nicht zu den Bauinvestitionen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gehören daher die Bauleistungen zur Erstellung militärischer Anlagen (sie gehen in die Nachfragekomponente "Staatsverbrauch" bzw. neuerdings "Staatsinvestitionen" ein), aber auch die Bauleistungen für Modernisierung, Instandsetzung und Unterhalt von Bauten.

Bauvolumen korrigiert Unterschätzung der Bauleistungen

Weil die genannten, von der Erfassung der Bauinvestitionen ausgeschlossenen nicht-investiven Bauleistungen einerseits ein nicht unerhebliches Gewicht haben, andererseits in aller Regel von Baubetrieben wahrgenommen werden, wurde mit dem Bauvolumen ein weiterer Begriff eingeführt, der die offensichtliche Unterschätzung des Gesamtumfangs der Bauleistungen korrigieren soll. Es ist definiert als "die Summe aller Leistungen, die auf die Herstellung oder Erhaltung von Gebäuden und Bauwerken gerichtet sind". Erfasst werden dabei die baugewerblichen Umsätze der Bauunternehmen einschließlich Mehrwertsteuer. Da in die Umsatzsteuerstatistik jedoch die Gesamtumsätze, also auch die nicht-baugewerblichen Anteile, ohne Mehrwertsteuer eingehen, gibt es nicht nur eine Differenz zwischen Bauinvestitionen und Bauvolumen, sondern eine nicht minder schwer zu quantifizierende zwischen Bauvolumen und den Umsätzen der Bauunternehmen nach der Umsatzsteuerstatistik. Da die Daten über die drei genannten Bauleistungs-Kategorien von jeweils unterschiedlichen Institutionen ermittelt werden, sind Betragsabweichungen teilweise gravierenden Ausmaßes vorprogrammiert.

Ein weiterer Anlass für terminologische Präzision ist die große Vielfalt der Gesichtspunkte, nach denen die - wie auch immer berechneten - Bauleistungen gegliedert werden können. Die wichtigsten sind:

  • nach der Art der Gewerke: Bauhauptgewerbe, Ausbaugewerbe;
  • nach der Art der Produzentengruppen: Hochbau, Tiefbau, Bauinstallationen, sowie übrige Bereiche;
  • nach der Zweckbestimmung der Bauten: Wohnungsbau, gewerblicher Bau, öffentlicher Bau;
  • nach der Art der Bauherren: private, öffentliche, halbstaatliche, institutionelle.

Bauinstallation größter Einzelsektor

Um zu einem einigermaßen schlüssigen Gesamtbild der am Bau im engeren Sinne beteiligten Parteien zu kommen, wird nachfolgend der Versuch unternommen, die bauausführenden Unternehmen als Kernteil der deutschen Bauwirtschaft sowohl in qualitativer als auch in quantitativer Hinsicht zu gruppieren. Es ergibt sich für die Anteile der wesentlichen Partien des bauausführenden Teils der deutschen Bauwirtschaft:

(1) Das Ausbaugewerbe hat einen Anteil von 53 % am Bauvolumen, das Bauhauptgewerbe lediglich einen Anteil von 47 %.

(2) Die bauinstallierenden Unternehmen sind mit einem Anteil von 32 % der größte Einzelsektor vor dem Hochbau mit 30 %.

I. Bauhauptgewerbe

1. Hochbau mit den Wirtschaftsgruppen

-Hochbau ohne ausgeprägten Schwerpunkt
-Hochbau (ohne Fertigteilbau)
-Errichtung von Fertigteilbauten aus Beton, Holz und Kunststoffen im Hochbau
-Dachdeckerei, Bauspenglerei, Abdichtungen und Zimmerei
-Schornstein-, Feuerungs- und Industrieofenbau
-Gerüstbau
-Gebäudetrocknung
-sonstiger spezialisierter Hochbau

2. Tiefbau mit den Wirtschaftsgruppen

-Tiefbau ohne ausgeprägten Schwerpunkt
-Brücken- und Tunnelbau
-Rohrleitungs- und Kabelleitungstiefbau
-Bau von Straßen, Bahnverkehrsstrecken, Rollbahnen und Sportanlagen
-Wasserbau
-Brunnenbau
-Schachtbau
-sonstiger spezialisierter Tiefbau

II. Ausbaugewerbe

1. Bauinstallation mit den Wirtschaftsgruppen

  • Elektroinstallation

mit der Installation von elektrischen Leitungen und Armaturen, Kommunikationsleitungen, Elektroheizungen, Rundfunk- und Fernsehantennen (für Wohngebäude), Feuermeldeanlagen, Einbruchsicherungen, Notlichtanlagen, Aufzügen und Rolltreppen, Lausprecheranlagen, Lichtreklame, Blitzableitern usw.

  • Dämmung gegen Kälte, Wärme, Schall und Erschütterung

mit den Untergruppen Dämmung gegen Kälte, Wärme, Schall und Erschütterung in Gebäuden und anderen Bauwerken; Dämmung von Kesseln und Rohren (auch auf Schiffen); Akkustikbau, Strahlenschutzbau, Trockenbau.

  • Klempnerei, Gas-, Wasser-, Heizungs- und Lüftungsinstallation

mit den Untergruppen Gas-, Wasser- und Sanitärinstallation sowie Ausführung von Klempnerarbeiten in Gebäuden und anderen Bauwerken; Installation von Sprinkleranlagen; Installation von Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen; Installation von Abwärmeverwertungsanlagen; Installation von Warmwasserbereitungsanlagen; Einbau von Lüftungskanälen in Gebäuden und anderen Bauwerken.

  • sonstige Bauinstallation

mit den Untergruppen Installation von Beleuchtungs- und Signalanlagen für Straßen, Eisenbahnen, Flughäfen und Häfen; Installation von Ausrüstungen und Befestigungselementen; Installation von Kabeln außerhalb von Gebäuden; Montage von Frei- und Fahrleitungen; Installation von Jalousien und Markisen; Errichtung von Zäunen und Geländern; allgemeine technische Instandsetzung und Instandhaltung von Bauinstallationen

2. Sonstiges Ausbaugewerbe

Stukkateurgewerbe, Gipserei, Verputzerei, Bautischlerei und -schlosserei, Fußboden-, Fliesen- und Plattenlegerei, Raumausstattung, Maler- und Glasergewerbe

Die quantitativ nicht unerheblichen "Übrigen Bereiche" des Bauvolumens wie Stahl- und Leichtmetallbau, Bauplanung, Eigenleistung der Investoren u.a. wurden bei dieser Betrachtung, die, wie betont, auf die bauausführenden Unternehmen abhebt, nicht mit berücksichtigt.

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