BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: September 2004

LANGER WEG FÜR ERNEUERBARE ENERGIEQUELLEN

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

238. Folge

Es war alles wie zu Zeiten der Bonner Republik: unablässig kreisende Hubschrauber über der Stadt, Taxi- und Hotelgewerbe überlastet, Eskorten für Bedeutende blockierten den Stadtverkehr. Sogar der ehemalige Deutsche Bundestag drohte, anders als früher, aus allen Nähten zu platzen. Vier Tage lang beteiligten sich rund 2000 Delegierte aus 154 Ländern der Erde an der Internationalen Konferenz für Erneuerbare Energien in Bonn.

Man muss den Vertretern der "renewables" neidlos zugestehen, dass es kaum eine Gruppe im gesamten Energiespektrum gibt, die es mit ihnen an Eifer, Engagement und Aktionismus aufnehmen könnte. Vor diesem Hintergrund nehmen sich die erzielten Ergebnisse eher mager aus. Es wurden verabschiedet:

- eine politische Deklaration, die gemeinsame politische Ziele zur Stärkung der Rolle der erneuerbaren Energien formuliert,

- ein internationales Aktionsprogramm, in dem Maßnahmen und Verpflichtungen der beteiligten Regierungen, internationaler Organisationen und Institutionen aufgelistet wurden,

- Politikempfehlungen für erneuerbare Energien, die in den einzelnen Ländern bei der Entwicklung von Energiekonzepten von Nutzen sein können.

Die Lektüre der umfangreichen Dokumente erweckt den Eindruck, und soll ihn auch erwecken, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nur eine Schlüsselrolle bei der langfristigen Lösung des globalen Energie- und CO2-Problems spielt, sondern einen entscheidenden Beitrag für den Frieden in der Welt leistet. Bei so viel Enthusiasmus drängt sich die Frage auf, wie es um die erneuerbaren Energien derzeit und in absehbarer Zukunft bestellt ist.

Anteil am Primärenergieverbrauch nicht viel mehr als 3,5 %

Rechnet man in Zuwachsraten klingt die Entwicklung einzelner Zweige der erneuerbaren Energien wie aus einer anderen Welt: zwei bis drei Stellen vor dem Komma. Und auch in absoluten Zahlen gerechnet haben einzelne Energiearten, jedenfalls für definierte Verwendungen, respektable Größenordnungen erreicht. Maßgebliche Beiträge haben im Jahr 2003 insbesondere Biomasse (vor allem Holz) bei der Wärmeerzeugung sowie Wasser- und Windkraft zur Stromerzeugung mit zusammen fast drei Vierteln des gesamten Aufkommens der erneuerbaren Energien, gerechnet nach der Wirkungsgradmethode in Primärenergie-Äquivalenten, geleistet (s. Tab. 1). Alle übrigen Energiearten, auch Solar- und Geothermie sowie Bio-, Deponie- und Klärgase spielen demgegenüber nahezu keine Rolle. Insgesamt haben die erneuerbaren Energien nach einer Verlautbarung des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit 2003 knapp 450 Petajoule für Strom, Wärme und Kraftstoffe geliefert.

Diese Zahl sagt demjenigen, der sich nicht ständig mit Energiestatistiken beschäftigt, nur dann etwas, wenn man sie in einen Zusammenhang zu den Beiträgen der anderen Energieträger setzt. Geschieht dies, wird deutlich, welcher weite Weg noch vor den erneuerbaren Energien liegt, um ein signifikanter Partner bei der Deckung des Energiebedarfs zu werden. Seit Jahrzehnten unverändert, trotz aller regierungsamtlicher Erfolgsmeldungen bei der Bekämpfung der fossilen Energieträger, decken Mineralöl und Erdgas mit fast 60 % den weitaus größten Anteil des deutschen Primärenergieverbrauchs (s. Tab. 2). Stein- und Braunkohle zusammen halten sich bei knapp einem Viertel, Kernenergie liegt zwischen 12 und 13 %. Der Anteil der erneuerbaren Energien beläuft sich im Kalenderjahr 2003 auf 3,1 %. Zwar hat sich dieser Anteil in den letzten 10 Jahren nahezu verdoppelt, aber der kritische Wert für eine Änderung der Energieverbrauchsstrukturen ist damit noch längst nicht erreicht.

Nachholbedarf auf europäischer Ebene

Jürgen Trittin, Bundesumweltminister, hat in der Broschüre "Umweltpolitik" seines Hauses als Ziel propagiert, dass "bis 2050 mindestens die Hälfte des deutschen Primärenergieverbrauchs aus regenerativen Quellen stammen" soll. Dies würde bedeuten, dass die regenerativen Energien in den nächsten 46 Jahren Jahr für Jahr um etwas mehr als 6 % wachsen müssten. Da auch schon in einzelnen der vergangenen Jahre trotz intensiver staatlicher Förderung und dem Erlass und der Novellierung von Gesetzen zum Einsatz regenerativer Energien diese Zuwachsrate nicht selten deutlich verfehlt wurde, ist die Erreichbarkeit dieses Zieles eher fraglich.

Auch die internationale Vorreiterrolle, die Trittin auf europäischer Ebene mit hoher Regelmäßigkeit für sich beansprucht, ist durch die Daten nicht zu rechtfertigen. Zwar hat er in vielen Einzelfällen ohne Zweifel Anstöße auf internationalem Parkett zum Ausbau erneuerbarer Energien gegeben. In der Europäischen Union der 15 rangiert Deutschland jedoch auf einem hinteren Mittelplatz, wenn man die Anteile der erneuerbaren Energien am Primärenergie-Verbrauch miteinander vergleicht (s. Tab. 3). Spitzenreiter mit deutlichem Abstand sind hier die skandinavischen Länder. Allerdings liegt auch zwischen Österreich und Deutschland, was diese Messgröße angeht, ein Faktor von 7 bis 8.

Verringerung der energetischen Abhängigkeit entscheidend

Was kann aus diesen Fakten gefolgert werden? Dass mindestens das Energieproblem der Zukunft nur durch einen veränderten Energiemix gelöst werden kann, ist unbestreitbar. Weniger die CO2-Problematik, über die gesondert reflektiert werden muss, als vielmehr die erpresserische Abhängigkeit von den Besitzern fossiler Energieträger einerseits sowie der bevorstehende Zugriff Chinas auf die Energiemärkte der Welt andererseits müssen die entscheidende Triebfeder für die Schaffung neuer Energiestrukturen sein. Insofern ist der Ausbau auch der regenerativen Energiequellen zielführend und folgerichtig. Allerdings wäre es fatal, würde die Politik die Länge des Weges der erneuerbaren Energien aus der jetzigen Situation des statistischen Wichtelmanns zu einer gestandenen Figur im Energiekonzept unterschätzen und daher auf andere Energiealternativen vorschnell verzichten. Auch die Kernenergie ist, abgesehen von ihrer derzeitigen gesellschaftlichen Undurchsetzbarkeit, wegen der beschränkten Reichweite der Uranvorräte in diesem Gesamtkonzept nur ein Wackelkandidat. Da grundsätzlich Energie genug vorhanden ist, bedarf es einer mit nicht zuviel Ideologie belasteten Diskussion über neue Energietechnologien, die unter ökonomischen Gesichtspunkten eine baldige Marktreife versprechen.

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