BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: Oktober 2006

GEBÄUDETECHNIK IN WEST UND OST: VERGLEICH DER STRUKTUREN

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

257. Folge

Die Wiedervereinigung und ihre wirtschaftlichen Folgen werden noch lange die Reflexionen der Politiker und der National-Ökonomen beherrschen. Alles, was damals in großer Eile beschlossen und auf den Weg gebracht wurde, hatte Auswirkungen, die nur zu einem Teil erwünscht waren. Angesichts der riesigen Defizite im Bau- und Ausbausektor der ehemaligen DDR galt der Wirtschaftszweig Gebäudetechnik von Anfang an als der mutmaßliche Gewinner der Wende-Situation. Es sei alles, so hieß es damals, nur eine Frage der Finanzierung. Der "Nachholebedarf" (im Osten stets mit "e" gesprochen) sei jedoch so groß, dass das Geld zu seiner Befriedigung nur eine höchst untergeordnete Rolle spielen würde.

Jetzt, nach etwas mehr als eineinhalb Jahrzehnten, kann eine erste Bilanz gezogen werden. Sie muss die Frage beantworten, wie sich die Gebäudetechnik in West und Ost entwickelt hat, vor allem, auf welchen Feldern sich in struktureller Hinsicht Annäherungen oder, umgekehrt, auch unterschiedliche Entwicklungen manifestiert haben.

Das Zahlenmaterial, das hierfür zur Verfügung steht und mit dieser Zielsetzung analysiert werden könnte, ist in unserem Land mit zunehmender Zeit bedauerlicherweise immer spärlicher geworden. Seit Jahren gibt es für den Wirtschaftszweig Gebäudetechnik keine detaillierten Erhebungen im Handwerk mehr. Auch früher mit großer Regelmäßigkeit gelieferte Daten für den nicht-handwerklichen Bereich wurden, überwiegend aus finanziellen Gründen, immer mehr ausgedünnt. So muss sich eine Ost-West-Bilanz in der Gebäudetechnik in erster Linie auf die verbliebenen Zahlen für die Unternehmen mit mehr als 20 Beschäftigten stützen, die als Folge des Engagements einiger Fachverbände, allen voran des BHKS, noch am ehesten den Anforderungen für eine fundierte Analyse stand halten. Selbstverständlich können wegen des Fehlens zuverlässiger Handwerksdaten die in absoluten Zahlen ausgedrückten Branchenprofile eben nur einen - wenn auch qualitativ hochwertigen - Teil des gesamten Wirtschaftszweigs widerspiegeln. Allerdings ist anzunehmen, dass die aus dem vorliegenden Zahlenmaterial abgeleiteten strukturellen Aussagen den tatsächlichen Entwicklungen der Gesamtbranche zumindest sehr nahe kommen. Den Handwerksvertretern ist im eigenen Interesse dringend anzuraten, dafür einzutreten, dass sich die amtliche Statistik wieder mit ihrem quantitativ höchst bedeutsamen Branchenteil befasst.

a) die Zahl der Betriebe

Die Entwicklung der Anzahl der Betriebe - wohlgemerkt stets mit jeweils mindestens 20 Beschäftigten - zeigt, dass dieser Branchenteil 1995 mit ca. 3700 Unternehmen in West und Ost seinen historischen Höhepunkt erreichte (vgl. für diese und alle anderen Angaben die beigefügte Tabelle). Mittlerweile ist die Zahl der Betriebe, die heizungs-, klima-, lüftungstechnische Anlagen erstellen, zusammen mit den Unternehmen der Gas- und Wasserinstallation sowie der Klempnerei, auf knapp 2400 abgesunken. Dies ist ein Rückgang um mehr als ein Drittel im Zeitraum eines Jahrzehnts. Diese Verringerung wird sehr wesentlich durch die Entwicklung im Osten bestimmt. Dort ist mehr als die Hälfte der noch 1995 aktiven Unternehmen vom Markt verschwunden. Demgegenüber haben im Westen "lediglich" 17 Prozent der Unternehmen ihre Tätigkeiten - freiwillig oder unfreiwillig - eingestellt.

Demgegenüber haben sich die Betriebsgrößen der größeren Unternehmen nur geringer verändert, allerdings in Ost-Deutschland auch stärker als in West-Deutschland. Die durchschnittlichen Beschäftigtenzahlen dieser Unternehmen lagen 1995 bei ca. 45 Personen, sie liegen jetzt bei ca. 35 Personen.

b) die Arbeitssituation

Der im Allgemeinen zuverlässigste Indikator für die Anspannung am Arbeitsmarkt ist die Entwicklung der Arbeitsstunden. Hier zeigt sich, dass im Westen gegenüber dem Höhepunkt im Jahr 1995 zehn Jahre später, im Jahr 2005, mehr als 40 % weniger Arbeitsstunden geleistet werden konnten. Dies ist mit Abstand das niedrigste Ergebnis im Verlaufe des zurück liegenden Vierteljahrhunderts. Allerdings ist im Osten der geleistete Arbeitseinsatz in den letzten 10 Jahren gar um mehr als 70 Prozent eingebrochen. Kaum eine andere Zahl zeigt deutlicher, wie es um die Gebäudetechnik in West und vor allem Ost steht: ziemlich miserabel. Aus dem vermuteten Vereinigungs-Gewinnler ist ein Vorzeige-Verlierer der deutschen Einheit geworden. Dabei sind die je Beschäftigten geleisteten Arbeitsstunden, die im Osten stets höher als im Westen waren, nur vergleichsweise geringfügig zurück gegangen. Sie liegen derzeit in West und Ost zwischen 1100 und 1200 Arbeitsstunden pro Beschäftigten und Jahr.

Die je Beschäftigten von dem genannten Unternehmenskreis gezahlten Löhne und Gehälter sind in den letzten 10 Jahren in West und Ost moderat gestiegen. Allerdings ist die Disparität zwischen beiden Landesteilen nach wie vor erheblich. Die im Westen für einen Beschäftigten durchschnittlich gezahlte Lohn- und Gehalts-Summe liegt um ca. 30 Prozenten höher als im Osten. Der Abstand hat sich seit 1995 kaum verändert.

c) die Umsätze

Der jährliche Gesamtumsatz der gebäudetechnischen Unternehmen über 20 Beschäftigte liegt bei ca. 9,2 Milliarden Euro. Dies ist um Einiges weniger als die westdeutschen Unternehmen noch 1995 und bis zum Ende der Neunziger Jahre allein umsetzten. Der historische Höhepunkt der Umsätze der industriell strukturierten gebäudetechnischen Unternehmen dürfte im Jahr 1997 mit 14,0 Milliarden Euro gelegen haben. Das Verhältnis von West- zu Ost-Umsätzen liegt bei etwas über 4 zu 1 und hat damit annähernd das relative Verhältnis der Einwohnerzahlen beider Landesteile erreicht. Während die Westfirmen in den letzten 10 Jahren eine Reduzierung des jährlichen Gesamtumsatzes von 23 % erleiden mussten, brachen die Ost-Umsätze um 56 % ein. Dabei war das Jahrfünft von 2000 bis 2005 besonders schmerzhaft.

Praktisch alle verfügbaren ökonomischen Indikatoren zeigen eine strukturelle Schwächeperiode erheblichen Ausmaßes an. Als besonders gravierend ist die Verminderung der geleisteten Arbeitsstunden in West und Ost zu betrachten. Im Osten Deutschlands haben die Rückgänge zum Teil dramatische Ausmaße angenommen. Die aktuellen, freilich konjunkturell zu wertenden Daten deuten allerdings darauf hin, dass eine gewisse Stabilisierung der Gesamtsituation eingetreten sein könnte.

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