BONNER THEMEN




BONNER THEMEN: Dezember 2005

RUF NACH EINEM DEUTSCHEN BAUMINISTER

von Dr. Herbert Rudolf, Hauptgeschäftsführer des BHKS

250. Folge

Es war die Rochade des Tollkühnen. Mit dem Beschluss, Neuwahlen in diesem Land zu erreichen, wollte er die Macht wieder gewinnen und sie erhalten. Jedoch: manchmal gelten Sprichwörter nicht. Wer wagt, kann auch verlieren. Der dreiste Anspruch, auch nach dem Verlust der Mehrheit das Land weiter regieren zu wollen, liegt auf dem Müllhaufen der jüngeren Geschichte. Die neue Bundesregierung befindet sich in der Endphase der Findung auch ökonomischer Ansätze. Dazu muss sie sich nicht nur am näheren wirtschaftlichen Umfeld, sondern – die Globalisierung erzwingt es – im Großkreis aller wichtigen Wirtschaftszonen der Welt und ihres aktuellen Zustands orientieren.

Sehr grob gesprochen kann man die quantitativen Gewichte der Weltwirtschaft in drei annähernd gleich starke Bezirke einteilen: West- und Mitteleuropa, unmittelbar gefolgt von den USA und Kanada und schließlich, mit etwas Abstand, Japan und die so genannten Schwellenländer, also vor allem Ostasien, Südamerika, China und Russland. Die mit deutlichem Vorsprung größte wirtschaftliche Dynamik geht derzeit, dies gilt für die Jahre 2005 und 2006, von der "dritten Kraft", den Schwellenländern, aus. Das, was sich schon seit einiger Zeit in China abspielt, ist der Beginn eines Aufholprozesses eines Landes, das sich über viele Jahrzehnte hinweg zu Unrecht an den Rand seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten gedrängt sah, wozu China selbst Maßgebliches beigetragen hat. Unbeeindruckt von den massiven Steigerungen der Energiepreise nimmt die Produktion weiter zu, in diesem und im nächsten Jahr mit Zuwachsraten von jeweils knapp unter 10 %.

Amerika liefert höchste Wachstumsbeiträge

Im Durchschnitt etwa halb so viel, also ca. um 5 %, wird das reale Bruttoinlandsprodukt in den übrigen Teilregionen Russland, Südamerika und Ostasien wachsen. Aus der Tab. 1 ist jedoch ersichtlich, dass selbst dieses Wachstum nicht ausreicht, um den nordamerikanischen Kontinent vom führenden Platz in der Skala der Regionen mit den größten Beiträgen zum Wachstum der Weltwirtschaft zu verdrängen. Die für dieses und das nächste Jahr vorhersehbaren Steigerungen von Produktion und Nachfrage liegen mit 1,22 % deutlich über den Wachstumsbeiträgen, die vom puren quantitativen Gewicht her zu erwarten gewesen wären. Eine erschreckend schwache Vorstellung bei diesen Überlegungen bietet unverändert die Zone "West- und Mitteleuropa". Mit einer durchschnittlichen BIP-Zunahme von 1,6 % der 25 EU-Länder sowie Schweiz und Norwegen liefert diese Region 2005 gerade einmal ein gutes halbes Prozent Wachstumsbeitrag. 2006 soll sich diese Situation, so prophezeien professionelle Vorausschätzer, zu Lasten Amerikas etwas verbessern.

  Gewicht in % 2005 2006
Wachstumsrate in % Wachstumsbeitrag in % Wachstumsrate in % Wachstumsbeitrag in %
West- und Mitteleuropa 36,9 1,6 0,59 2,1 0,77
Nordamerika 34,8 3,5 1,22 3,3 1,15
Schwellenländer 15,5 5,7 0,88 5,5 0,85
Japan 12,8 2,3 0,29 2,5 0,32
Summe 100,00   2,99   3,10
Tabelle 1: Wachstum in den Großräumen der Weltwirtschaft

Da der deutschen Volkswirtschaft innerhalb des größten Wirtschaftsraumes der Welt das höchste Gewicht zukommt, läge es vor allem an unserer staatlichen Wirtschaftspolitik, Remedur bei zentralen Komponenten der Nachfrage- und der Angebotsseite zu schaffen und damit das Schiff Europa besser mit Rückenwind auszustatten. Tatsächlich sind die Wachstumsprognosen für dieses und das nächste Jahr alles andere als erbaulich. Zusammen mit Italien wird Deutschland in allen verfügbaren Tableaus unverändert am Ende des konjunkturellen Geleitzuges gesehen. Für dieses Jahr ermittelt die Arbeitsgemeinschaft wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstute mit 0,8 %, 2006 mit 1,2 % Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts einen Fortschritt, der sich auch in einen Stillstand verwandeln könnte, wenn neue handwerkliche Fehler der in der Installationsphase befindlichen Bundesregierung hinzukommen. Notleidend bleiben weiterhin der private und der staatliche Konsum sowie der gesamte Bausektor.

Die Geschichte vom Exportweltmeister

Es ist schon fast eine reflexartige Argumentation von Politikern aller Lager in dieser Situation das Schlagwort vom deutschen "Exportweltmeister" zu bemühen. Auch wenn es natürlich vorteilhaft ist, dass man wenigstens an einer Stelle der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung deutlich positive Veränderungen vorweisen kann, muss doch den Diskutanten etwas volkswirtschaftlicher Sachverstand entgegen gehalten werden. Denn: die Weltmeisterschaft bezieht sich zunächst nur auf die nominellen Warenexporte, nicht jedoch auf die Dienstleistungen, die ebenfalls exportiert werden können. Zweitens hat der deutsche Weltmarktanteil über all die Jahre seit 1970 nicht zu-, sondern abgenommen (von 13 % auf 9 %). Drittens hat die Euro-Aufwertung gegenüber dem Dollar eine künstliche Aufblähung der Warenexporte erzeugt; ohne diese Wechselkursverschiebungen wären die deutschen Warenexporte 2003 um 22 % niedriger als die der USA gewesen. Viertens gehen in die Warenexporte auch die steigende Zahl der im Ausland gefertigten Vorprodukte, die in Waren "made in Germany" eingebaut werden, ein; das heißt: ein großer Teil derjenigen Waren, die in der deutschen Exportstatistik erscheinen, sind gar nicht im Inland, sondern im Ausland gefertigt worden. Und fünftens kommt es im Hinblick auf diese Messung des Wohlstands eines Landes nicht entscheidend auf die Exporte, sondern auf den langfristigen Anstieg der Realeinkommen seiner Bewohner und der daraus folgenden Konsummöglichkeiten an. Die Tatsache, dass der reale Konsum (das heißt: die von Preissteigerungen bereinigten privaten Verbrauchsausgaben) in Deutschland in den letzten Jahren nicht gestiegen ist, hat zur Folge, dass der Wohlstand weiter Teile der Bevölkerung, Exportweltmeisterschaft hin oder her, tatsächlich gesunken ist. Es gibt kein größeres Industrieland, in welchem eine solche Situation so lange angehalten hat.

Bauinvestitionen weiter rückläufig

Der in der Gebäudetechnik tätige Mensch interessiert sich naturgemäß in diesen Zusammenhängen für die absehbare Entwicklung der Bauinvestitionen. Tab. 2 zeigt, dass dieser einstmals dynamische Bereich in absehbarer Zukunft weiterhin keine Wachstumsbeiträge zu liefern imstande sein wird. Am stärksten hängt der Wohnungsbau durch, der unglücklicherweise auch noch der Teilbereich mit dem höchsten verbliebenen Gewicht ist. Aber auch bei den anderen Bereichen sind eher Techniken des Gesundbetens als der der Erfüllung von Hoffnungen gefragt.

  Gewicht in % 2005 2006
Wachstumsrate in % Wachstumsbeitrag in % Wachstumsrate in % Wachstumsbeitrag in %
Wohnungsbau 58,1 -5,0 -2,9 -2,1 -1,2
Nicht-Wohnungsbau 41,9 -4,6 -1,9 -0,1 0,0
- öffentlicher Bau 11,5 -3,0 -0,3 2,3 0,3
- gewerblicher Bau 30,4 -5,2 -1,6 -1,0 -0,3
Summe 100,0   -4,9   -1,2
Tabelle 2: Reale Bauinvestitionen in Deutschland

Es muss den Politikern und auch den zuständigen höheren Ministerialbeamten einmal deutlich ins Stammbuch geschrieben werden, dass man sich doch sehr fragen muss, wie in diesem Wirtschaftssektor Besserungen entstehen sollen, wenn bei der Verteilung der Minister- und Staatssekretärs-Posten der Bereich "Bau" wochenlang überhaupt nicht erschien und am Ende der Prozedur hochwahrscheinlich wieder ein Anhängsel des Verkehrssektors sein wird. Dabei gab es, nicht allzu lange her, veritable Bauminister, die sich um nichts anderes als eben ihren Bereich gekümmert haben. Oscar Schneider war so einer, auch Klaus Töpfer. Allerdings liegt es aber auch an der Branche selbst, weil sie nicht den Weg zu finden scheint, eine sowohl sachkundige als auch exklusive Behandlung ihrer Probleme auf Ministerebene einzufordern und durchzusetzen. Wenn jedoch rund 100 selbständige Gruppierungen in der Gebäudetechnik im Wesentlichen mit sich selbst und der Umsetzung vorgegebener Richtlinien und Verordnungen beschäftigt sind, wird man zu einer kraftvollen Vertretung eigener Interessen nicht kommen können.

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